Der Ort Anand, im Bundesstaat Gujarat

Anand, ca. 80 km nordöstlich von Ahmedabad, der Hauptstadt des Bundesstaates Gujarat gelegen und rd. 800 km entfernt von Mumbay. Eine Stadt mit 300.000 Einwohnern, eigentlich wohlhabend.

Die Stadt ist geprägt von der Großmolkerei „Amul“, die 1942 als eine Frauenkooperative gegründet wurde. Heute ist Amul ein Großkonzern, der weltweit seine Produkte exportiert und schon lange nicht mehr von Frauen geleitet wird. Männer haben das Ruder übernommen. Von dem Wohlstand ist in der Stadt selber, für den westlichen Betrachter, nicht allzu viel zu sehen. Es ist ein schmuddeliger, typisch indischer Ort. Die Straßen sind hier wie dort mehr oder weniger gut befahrbar. Der Verkehr chaotisch und laut. Es gibt kein bemerkenswertes Stadtzentrum. Wie in allen großen Städten Indiens sind die Märkte bunt, lebhaft, von Gerüchen aller Art umwoben und faszinierend. Der Obst und Gemüsemarkt scheint geradezu überschwemmt mit frischen, exotischen Früchten und Gemüsen. Eine Augenweide.

In Anand leben, wie überall in Indien, überwiegend Hindus. Es gibt jedoch auch relativ große Stadtbezirke die von Muslimen bewohnt sind. Christen und Jains gibt es nur zu einem sehr geringen Prozentsatz. Insgesamt leben in Gujarat 820 MIO Hindus gegenüber 120 MIO Muslimen. Um nach Anand zu gelangen ist man vom Flughafen aus cirka zweieinhalb Stunden mit dem Auto unterwegs, immer auf guter Straße. Das heißt nicht, dass der Verkehr vergleichbar dem in Deutschland ist! Dennoch ist es ein großer Unterschied, ob man über Schotterpisten gerüttelt wird oder ohne ein Halsschleudertrauma an den Zielort gelangt.

Die Menschen leben in Anand überwiegend in primitiven Steinhütten. Es gibt allerdings auch durchaus respektable Wohnkomplexe. Eben städtisch. Wenn man wachsam durch die Gegend fährt sieht man, dass die Mittelstreifen der Straßen „bewohnt“ sind und dass man an auffallend vielen Slumgebieten vorbei kommt. Anand hat immerhin acht große Slumgebiete mit allen Problemen, die ein Slum zu bieten hat. Die Menschen leben in unwürdigen Behausungen, die man nicht einmal als Hütte bezeichnen kann. Ohne Strom und - Wasseranschluss. Wasser gibt es zwei Mal am Tag an einer (EINER) einzigen Wasserzapfstelle für rund 4000 Menschen je Slumgebiet. Man kann sich kaum vorstellen wie der Kampf ums tägliche Nass für diese Menschen aussieht. Bei uns dreht man nach Belieben den Wasserhahn einfach auf. Warm und kalt. Keine Frage. Strom kommt – nicht – aus der Steckdose. Die Slumbewohner haben gelernt sich zu behelfen. Wenn es irgendwie geht, wird Stromklau betrieben. Abenteuerlich und gefährlich. Aber wer möchte nicht gerne Licht in der Finsternis seiner Behausung haben. Bei Hitze ist es genauso unerträglich wie in der Monsunzeit. Während die teils mit Wellblech gedeckten Behausungen sich in der heißen Jahreszeit unerträglich aufheizen und die Luft steht, kommt es zu einer wahren Schlammschlacht in der Regenzeit. Die extrem engen Wege zwischen den Hütten sind nicht befestigt. Alles ist Land unter, denn das Wasser sucht sich seinen eigenen Weg, auch durch die Hütten hindurch. Sei es von oben oder von unten. Selbst für einen Abenteuerurlaub überstiege das jedes Fassungsvermögen.


Bildung

Angeblich gehört der Bundesstaat Gujarat zu jenen, die die höchste Alphabetisierungsrate haben. (Tatsächlich ist es Kerala, gefolgt von Karnataka und Punjab). Wie in anderen Regionen Indiens auch, ist die Rate eher flexibel. Und natürlich hier wie anderen Orts sind Mädchen bei den Schulabgängern unterrepräsentiert. Wenn man außerdem darauf achtet welche Kaste oder Gesellschaftsschicht als schulisch gebildet hervorgeht, dann bemerkt man sehr schnell, dass Dalit (Unberührbare) und Adivasi (Stammesangehörige), wie überall in Indien, das Schlusslicht bilden. Der aufmerksame Besucher einer Schule wird ganz schnell merken wer zu welcher Gruppe zu zählen ist. Dalit und - Adivasikinder sind immer diejenigen, die ganz hinten in der Klasse sitzen und, wenn keine Bänke vorhanden, sind sie es, die am Boden hocken. Sie werden während des Unterrichts vom Lehrer meistens ignoriert, am häufigsten bestraft, (auch mittels eines Stocks) und von den anderen Mitschülern ausgegrenzt und oft misshandelt. In ihren Augen sind sie Unreine. Eben unberührbar.

Auch der Minister für soziale Gerechtigkeit und Empowerment, Mr. Ramdas Athawale, ist laut einer Meldung vom 30.05.2017 der Überzeugung, dass der Abstand zwischen den verschiedenen Kasten immer größer würde. Dass die Misshandlungen von Dalit sogar zunähmen und die Ausschreitungen gegenüber dieser Kaste, vor allem Vergewaltigungen von Frauen, dramatische Formen angenommen habe.

Auffallend in Anand ist, dass Privatschulen sehr stark vertreten sind, geradezu aggressiv werben und bei näherem Hinschauen Gebühren verlangen, die weit über dem liegen, was ein Durchschnittsbürger sich leisten kann. Erstaunlicherweise tun sich hier auch kirchlich geleitete Schulen hervor. Von den staatlichen Schulen nimmt man hingegen wenig wahr. Sie scheinen in den Hintergrund gedrängt. Davon abgesehen sind sie, wie meistens in Indien, nicht besonders gut und genügen oft keinem Standard. Man sieht immer wieder auch Schulklassen ohne eine Schultafel. Die Kinder haben keine Tische und Bänke. Klassengrößen bis zu 90 Kindern, mit nur einer Lehrkraft besetzt, sind nichts Ungewöhnliches. Staatl. vorgeschrieben sind 45 Kinder pro Klassenverband. Alles nichts Ungewöhnliches in Indien, wenn man UNICEF Glauben schenken mag. Denn laut dieser größten Organisation liegt Indien nicht nur relativ weit hinten abgeschlagen im Vergleich mit vielen anderen Staaten der Weltengemeinschaft, was die Bildung anbelangt, noch hinter Togo (Westafrika) und Tobago (Karibik).

Dabei ist Bildung die wichtigste Voraussetzung, um dem aus Armut geborenen Elend zu entkommen und eine Chance auf eine bessere Zukunft zu haben. Schulisch gebildete Kinder sind selbstbewusster, lassen sich nicht ohne weiteres ausbeuten, können sich selbst besser schützen, auch vor Übergriffen durch Erwachsene.

Eigentlich sind schulisch gebildete Menschen DAS Kapital überhaupt, auf das ein Land wie Indien – und auch andere Länder, zurückgreifen können. Dennoch wird dieses Kapital von der Regierung verschleudert.


Die Projekte


Geschichte

Frühgeschichtlich gesehen gehört Gujarat der Harappakultur an, die bereits 3000 v.Chr. vorherrschte. Anfang des 4. Jahrhunderts v.Chr. hatten die Baktrischen Griechen (aus Persien) die Vorherrschaft. Danach herrschten die Gurjara, die sich selbst als ein „Agnicula“ (Agni, das Feuer), ein aus dem Feuer entstandener Clan bezeichneten. Später war es Teil des Sultanats von Delhi.

1509 gewannen die Portugiesen eine für sie entscheidende Seeschlacht und vereinnahmten die Provinz Diu, am Arabischen Meer gelegen für sich und beherrschten fortan für einen langen Zeitraum den Welthandel mit Gewürzen aus Indien. Bis 1974 blieb die Inselprovinz unter portugiesischer Herrschaft. Indien erlangte die Souveränität erst nach der sogenannten „Nelkenrevolution“. (Hier ist die Gewürznelke gemeint). 1614 setzte sich die East India Company in der Stadt Surat fest.

Surat ist bekannt für seine Textilindustrie und Diamanten. Die Textilindustrie pflegt, wie man weiß, sehr zweifelhafte Machenschaften. Man liest immer wieder von der Ausbeutung der Arbeiterinnen in diesem Industriezweig. Indien steht dem in Bangla Desh herrschenden System in nichts nach.

Kulturell gibt es für den Touristen in Gujarat sehr viel zu „erobern“ und zu entdecken. Kulturhistorische  Denkmäler gibt es zu Hauf. Nicht nur in Ahmedabad, der Hauptstadt,  sondern auch an Orten wie der Tempelanlage der Jain, Shatrunjaya, gelegen auf einem 590 m hohen Berg, die Tempelgruppe von ca. 1200 Tempeln auf dem Berg Girnar, der aus dem 13. Jahrhundert stammende Stufenbrunnen Adalj Vav, mit wunderschönen Verzierungen einer imponierenden Steinmetzarbeit, usw., usw. In Porbandar, einer Reißbrettstadt,( ähnlich wie Chandigarh im Bundesstaat Punjab, die von dem berühmten Architekten Le Courbusier erbaut wurde), steht das Geburtshaus von Mohandas Karamchand Gandhi, dem allseits bekannten Mahatma (große Seele). Gujarat war der Motor in der indischen Freiheitsbewegung und des gegen die Briten gerichteten Widerstands. Hier fand auch der berühmte, von Gandhi angeführte Salzmarsch statt, um das Salzmonopol der Briten zu brechen.

2002 machte Gujarat weltweit Schlagzeilen, weil es zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen kam. Zwei Waggons eines Zuges mit Hindupilgern, aus Ayodhya kommend, wurden nach einer banalen Auseinandersetzung mit einem muslimischen Teeverkäufer von Muslimen in Brand gesetzt. (1992  zerstörten zehntausende, fanatische Hindus die Babri Moschee in Ayodhya. Sie behaupteten, dass die Moschee auf dem Geburts-Tempel des Gottes Rama erbaut wurde. Archäologen konnten nachweisen, dass dies nicht der Fall ist. Die Stadt ist seitdem ein Synonym für Hass und Gewalt in Indien).  Die Situation eskalierte im Handumdrehen immer mehr. Nun gingen Hindus auf Muslime los. Bei dem Pogrom wurden Muslime auf offener Straße vom Hindu-Mob geschlagen, erstochen, vergewaltigt, ermordet. Ausbrüche dieser Art von Brutalität sind keine Seltenheit im Land des gewaltfreien Widerstands. (Im Internet kann man bei YouTube das Kurzvideo „The Una inzident“ sehen, der es einem eiskalt über den Rücken laufen lässt). Allerdings beinhaltete das Massaker in 2002 eine neue Qualität an Grausamkeiten. Die Polizei des damaligen Chief Ministers von Gujarat und heutigem Regierungspräsidenten, Narendra Modi, sah den Gewaltausbrüchen gegenüber den Muslimen tatenlos zu. Er unternahm in seiner Funktion als Ministerpräsident nichts, um der Gewalt ein Ende zu setzen. Seine politische Verantwortung sei nicht zu leugnen, so verkündeten viele indische Medien und auch ausländische NGO´s stimmten dem zu. „Wer auf Leichen nach Wählern schielt, ist kein Hindu“, wurde Modi von Parteikollegen gerügt. Modi selbst spielte die Ausschreitungen als „natürliche Reaktion der Hindugesellschaft“ herunter. Der Konflikt schwelt bis heute weiter, zumal es nie eine Aufklärung in der Sache gegeben hat.


Wirtschaft

Indien gilt als Schwellenland. Die Weltbank hat in einem ihrer letzten Berichte 70% der Inder als arm bezeichnet. Sie verfügen über knapp 2 USD pro Tag zum Leben. Laut UNICEF leben 40 % der Gesamtbevölkerung unterhalb der von der UN errechneten Armutsgrenze! 1 USD und weniger. Zwar ist das Durchschnittseinkommen gestiegen, aber für die allerärmsten Bevölkerungsschichten – und hierzu zählen in erster Linie Dalit (Kastenlose/Unberührbare) und Adivasi (Stammesangehörige = ebenfalls unberührbar und kastenlos), hat der Produktionsanstieg gar keine oder nicht wesentliche Verbesserung des Lebensstandards gebracht. Vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren vor allem die wachsende Mittelschicht, die ja nach Statistik zwischen 100 MIO und 300 MIO variiert und natürlich die Oberschicht. Dem Eindruck vieler Beobachter nach bleiben die Früchte des Aufschwungs in erster Linie der gut gebildeten Elite in den Städten vorbehalten. Die Bewohner ländlicher Gebiete und natürlich der Slums der Städte gehen weitgehend leer aus.

Der Bundesstaat Gujarat ist teilweise ein Wüstenstaat. Hier leben Stammesangehörige wie die Rabari, die durch ihre Buntheit und Exotik auffallen. Männer tragen witzige Joppen mit einem Schößchen und immer einen imposanten Turban. Frauen sind in auffällig farbenfrohe Gewänder gekleidet und tragen ebenso auffallenden Schmuck. Die Rabari sind Teilnomaden, die mit ihren Kamelherden unterwegs sind. In einigen Gebieten Gujarats ist es so heiß, dass Flüsse einfach im Wüstensand versickern und nie das Meer erreichen. Andere Flüsse sind während der heißen Jahreszeit ausgetrocknet. Wasser stellt hier ein riesen Problem dar! Für Mensch und Tier und natürlich auch für alle Wirtschaftszweige. Die wichtigsten Produkte Gujarats sind Baumwolle, Erdnüsse und Tabak. Textilien. Bauxit, Erdgas und Erdöl sowie Fluorkalzium. Außerdem hat das Land eine florierende petrochemische Industrie, die etwa 30% der Arbeiter beschäftigt. In Gujarat sind etliche ausländische Firmen ansässig.